Mittwoch, 16. Mai 2012

Europa lebt gefährlich


Brandenburgische Landesvertretung, Berlin 16.05.2012

Die Brandenburgische Landesvertretung veranstaltet seit geraumer Zeit politische Diskussionsabende mit deutschen und polnischen Teilnehmern. Das Polnische Institut Berlin ist ein weiser und zuvorkommender Partner. 

Manchmal ist es besser, wenn man weitere Namen, Details oder Institutionen weglässt. So hier.

Heute Abend wurde in der Landesvertretung über die „Softpower“ der EU diskutiert. 

Vor einigen Monaten wurde in einer wunderbaren Runde recht frei erklärt, wie die Haushaltsplanung der EU für den Rahmenplan 2014 – 2020 abläuft.

Heute habe die EU ihre „Strahlkraft“ verloren. Die Krise sei da. „Softpower“ und „Hardpower“ verwelkten oder auch nicht.

Vor einigen Monaten wurde in einer unglaublich freundlichen und vorbildhaften Art von einer polnischen EU-Parlamentarierin (Mitglied des Haushaltsausschusses) erzählt, wie im Umkreis des  Haushaltsausschusses des EU-Parlaments verhandelt wird. Damals hieß es, dass die „no goes“ einzelner Staaten einen Ewigkeitscharakter haben. UK hat seinen UK-Rabatt, Frankreich hat seine Agrarausgaben und Deutschland will Forschungsmittel.

Was sollen da eigentlich Griechenland, Portugal, Zypern oder Irland sagen? Was ist mit Spanien?

Heute brauchen „wir keinen Eurofighter mehr“. Wir leben aber in einer „multipolaren Welt, die höchst instabil“ sein soll und mit der Situation im Jahre 1912  „vor 1914“ zu vergleichen sei. 

Ich befasse mich persönlich ab heute weiterhin mit der zukünftigen Rahmenplanung des EU-Haushalts und werde sofort am Freitag nach Rostock aufbrechen, um sicherzugehen, dass der Eurofighter auch wirklich fliegt!

Tolle Veranstaltungsreihe!

Dienstag, 15. Mai 2012

Lasst Enric Ruiz-Geli ein Hochhaus in Berlin bauen!


Akademie der Künste, Pariser Platz, Berlin 14.05.2012

Die Akademie der Künste hat offenbar ein sehr glückliches Händchen bei der Auswahl ihrer Stipendiaten im Rahmen der JUNGEN AKADEMIE. Dies zeigen die bisherigen Vorträge im „Monat der Stipendiaten“. Am Montag war Nadin Heinich an der Reihe, Berlin-Stipendiatin 2010. 2012 ist ihr Buch „DIGITAL UTOPIA“ erschienen, welches sich mit „digitaler Architektur“ befasst. Sie ist Initiatorin von „Plan A“. Nadin Heinich muss ein netter Mensch sein. Ihr ist es zu verdanken, dass Enric Ruiz-Geli nach Berlin kam. 

Wie kann man einen Vortrag, der alle Sinne anspricht, mit Worten beschreiben? Papier und Konfetti flogen durch die Luft. Enric Ruiz-Geli von der spanischen Architektur- und Innovationsschmiede „Cloud 9“ zeigte mit Ton, Wort und Bild neue Wege in eine „digitalen Architektur“. 

Cloud 9 ist in Barcelona ansässig. Cloud 9 hat Ziele, mindestens ein Vorbild und setzt alles ein, was digitale und reale Welt an Mitteln hergeben. Bauwerke sollen ökologisch sein. Sie sollen möglichst wenig Energie verbrauchen. 

Gaudi ist ein großes Vorbild. Wie bei ihm werden Künstler eingeladen, beim Bauen ihren tätlichen Beitrag zu leisten.

Bei der Planung vertraut Cloud 9 auf die digitale Welt. 3D-Scanner erfassen Natur dreidimensional mit 9.000.000 Bildpunkten. Konstruktion findet am Computer statt. 3D-Drucker erstellen erste Modelle. Bauteile werden mit Robotern aus Stein, Metall oder anderen Materialien herausgefräst. Innovation muss ein spanisches Wort sein. 

Unterschiedlichste Materialien von Beton über Stahl oder Glas bis hin zu verschiedensten Kunststoffen werden kombiniert. Unterschiedlichste Werkstoffe bilden in mehreren Lagen die „Haut“ eines Gebäudes. Wenn sich eine Gebäudeseite wegen zu starker Sonneneinstrahlung zu sehr erhitzt, kann man eine Hautschicht mit Stickstoff fluten. Es bildet sich eine Wolke als quasi natürliche Sonnenblende. Warum nicht Biolumineszenz-Farbstoffe von Quallen verwenden, um Gebäudeträger bei Dunkelheit leuchten zu lassen? 

Sensoren sollen in Zukunft Gebäude auf ihre Umwelt reagieren lassen. Die Sonneneistrahlung wird gemessen, Salzgehalt oder Luftfeuchtigkeit werden bestimmt. Eine Idee besteht darin, Bäume als Sensoren einzusetzen. Ein Baum steuert ein Haus. Wie funktionieren Seifenblasen? Kann man Hochhäuser aus Seifenblasenstrukturen errichten?

Als Ergebnis solcher Fragen entstehen futuristische Villen (Villa nurbs, Empuriabrava) oder Bürohhochhäuser mit hängenden Etagen (Media Tic, Barcelona), die im Bau oder im Betrieb wenig kosten. Die Gebäude wirken futuristisch und sind doch schon heute realisierbar.

Cloud 9 realisiert vom Anspruch her „Pilotprojekte“. Dabei wird technologisches Neuland gesucht. So wurde z.B. ein halbtransparenter Beton erfunden. Cloud 9 meldet Patente an. Cloud 9 ist immer auf der Suche.

Nach diesem Abend trat man auf den Pariser Platz und die grell ausgeleuchtete Kantholzarchitektur dort ließ das Herz wehmütig werden.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Die verflixte Suche nach dem Erfolgsfaktor


Firmengründungen oder Start Ups im Bereich der Hochtechnologie zeugen von Dynamik und Kraft entwickelter Volkswirtschaften. Die USA beispielsweise sind bereits seit Jahrzehnten auf der Erfolgsspur. Dort werden scheinbar regelmäßig Unternehmen gegründet, die binnen kurzer Zeit an den Börsen Milliarden Dollar wert sind. 

Sehr viele Staaten sind darum bemüht, das Geheimnis zu lüften: Was führt dazu, dass eine Gründung gelingt, eine andere aber nicht? Die Beantwortung der Frage ist überraschend schwierig. 

Um die Schwierigkeiten einschätzen zu können, betrachte man ein völlig anderes Themengebiet. Wie sieht es um die Zahngesundheit der Deutschen aus? Leider gibt es in Deutschland kein „Bundeszentralzahnregister“. Auf Landesebene lassen sich ebenfalls keine derartigen Datensammlungen finden. Man kommt um eine Befragung nicht herum. 

Wen befragt man? Der einzelne Bürger kann ziemlich genau mitteilen, wann und wie oft er putzt. Benutzt er eine elektrische Zahnbürste? Wie oft Zahnseide? Wie sieht es mit einer Mundspülung aus? Den Zustand seiner Zähne oder des Zahnfleisches kann er hingegen nur ungenau beschreiben. Ein Zahnarzt, möglichst sein Zahnarzt, kann das sehr wohl. Letzterer kann Anzahl und Art der Plomben bestimmen. Er kann Verfärbungen einordnen und passende Beschreibungen seiner Beobachtungen vermerken. Der Zahnarzt wiederum kann nicht beurteilen, wie oft jemand seine Zähne putzt. 

Wie viele befragt man? Momentan leben ca. 82.000.000 Bürger in Deutschland. Wollte man alle befragen, es käme einer Volksbefragung gleich. Das wäre teuer. Man muss eine repräsentative Auswahl wählen. Das Statistische Bundesamt gibt ziemlich genau Auskunft über den Aufbau der Bevölkerung – von Zeit zu Zeit werden dort tatsächlich Volksbefragungen durchgeführt. Somit kann man ermitteln, wie viele Frauen, Junge oder Alte im Land leben und wo diese wohnen. Ein knappes Fünftel wohnt in Nordrhein – Westfalen. Meinungsforscher begnügen sich bei Trenderhebungen in den Bundesländern oft mit 2.000 Befragten. Dies entspricht dann z.B. einem Befragten auf tausend oder zweitausend Bürger. Diese Befragten müssen dann anhand der Vorgaben des Bundesamtes ausgewählt werden.

Wie befragt man? Die Fragen sollten so gestellt werden, dass man mit den Antworten mathematisch und statistisch arbeiten kann. Die Antworten sollen eine Rangfolge abbilden, Mengenverhältnisse abbilden oder am besten numerisch sein. Welches ist Ihr höchster Bildungsabschluss? Putzen Sie morgens, abends, mittags oder zwischendurch Ihre Zähne? Dann kann man beantworten, wie oft das Putzen zu welcher Tageszeit stattfindet oder wie viele Jahre jemand in der Schule war.

Wie bearbeitet man die Daten? Nach der Befragung der Bürger und ihrer Zahnärzte und nach dem Abspeichern der Daten von z.B. 8.000 Teilnehmern ergeben sich für unterschiedliche Befragtengruppen unterschiedliche Schadensbilder. Ältere dürften wahrscheinlich mehr Plomben oder gar Kronen aufweisen als Jüngere. Es ergeben sich aber zwangsläufig auch Abweichungen vom Durchschnittsbild. Viele Ältere haben deutlich bessere Zähne oder weniger Parodontose als andere. 

An dieser Stelle werden heuristische Modelle eingesetzt. Man stellt Vermutungen auf, wie das „Putzen am Morgen“, der „Einsatz von Fluortabletten“ oder  das „Verwenden von Zahnseide“ die Zahngesundheit beeinflusst. Dieses Putzen, dieser Einsatz oder dieses Verwenden sind mögliche Einflussfaktoren. Um es abzukürzen: mit solchen multivariaten Verfahren kann ermittelt werden, welcher Einflussfaktor tatsächlich relevant ist. Genauer gesagt: welcher Einflussfaktor wahrscheinlich relevant ist. Ist es die Zahnbürste, die Fluortablette oder sind es beide?

In aller Einfachheit: Es müssen die Richtigen befragt werden. Es müssen ausreichend Viele repräsentativ verteilt befragt werden. Es müssen die richtigen Fragen gestellt werden, damit die Antworten möglichst numerisch erfasst werden können. Die Daten müssen statistisch bearbeitet werden. Letztendlich kann man somit Erfolgsfaktoren bestimmen, die tatsächlich wahrscheinlich Einfluss nehmen.

Das prinzipielle Vorgehen bleibt gleich, wenn man den Erfolgsfaktoren von Firmengründungen auf die Spur kommen möchte. In Deutschland gibt es ca. 3.000.000 Unternehmen. Bei Gewerbeanmeldungen werden nur wenige Daten erfasst, ein „Bundesfirmenregister“ gibt es nicht. Ein Problem stellt sich zusätzlich: Man mag Friseure mit Friseuren vergleichen können, aber was ist eine Firmengründung im Bereich „Hochtechnologie“. An diesen Problemen scheitern etliche Studien, die Gründungen untersuchen wollen. Ob Datenmaterial repräsentativ sein kann, wenn nur 16 Gründer befragt werden, das mag man verneinen.

Allerdings bietet sich eine kostenpflichtige Alternative an. In Deutschland gibt es Dienstleister, die sehr wohl Daten zu Firmen erheben. Dieses Datenmaterial ist deutlich umfangreicher als das der Gewerbeämter. Erstere erfassen - je nach Dienstleister -  deutlich mehr Daten oder auch die Bonität einer Firma. 

Studien, die auf Basis von solch reichhaltigem Datenmaterial erstellt wurden, geben mindestens zwei Antworten. Auf das Geschlecht kommt es nicht an. Je mehr Jahre an Branchenerfahrung ein Gründer aufweisen kann desto besser.

Dienstag, 8. Mai 2012

Ein Elfenbeinturm bleibt doch ein Elfenbeinturm – doch muss er schön sein


Berlin Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin, 07.05.2012

Die Berlin Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) ist ein außerordentlich schöner Elfenbeinturm. Am 07.05.2012 wurde im Leibnizsaal eine Veranstaltung mit dem Thema „Wie funktioniert Innovation?“ gelebt.  

Akademiepräsident Günter Stock und der Präsident des Robert Koch Instituts Herr Reinhard Kurth moderierten. Jürgen Mittelstraß (Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates) und der Nobelpreisträger Harald zur Hausen hielten Kurzvorträge!

So ein Kurzvortrag kann in der BBAW an diesem Abend schon einmal eine Stunde der Aufführung benötigen. Die Wissenschaftsfreiheit kann dann besser absolutiert werden. Ein Maß der vollständigen Tautologie kann erreicht werden. Und es ist schön, dass mittlerweile so wunderbare Begriffe wie „Interdisziplinarität“, „Intradisziplinarität“ und „Transdisziplinarität“ existieren. Bleibe der Welt der Begriff „Transendisziplinarität“ erspart!

Harald zur Hausen definierte das Universum der Innovation anhand weniger Kriterien:

 Innovation benötigt vorhergehende Erfahrung! Auch Einsteins Relativitätstheorie ist ohne Vorarbeiten 
      nicht erdenkbar.

™  Innovation benötigt ständige, begleitende Analysen.

™  Innovationen treffen in ihren Frühphasen auf Widerstände.

™  Vernetzung und Teamarbeit sind Grundlagen erfolgreicher Innovationen.

Letzterer Vortrag war definitiv eindrucksvoll! Es bleibt dennoch die leise Frage, ob der Erfinder des Dübels vor geschätzten 100 Jahren durch einen solchen Vortragsabend motiviert worden wäre. Ein Dübel wird schließlich „nicht jeden Tag erfunden“! Wäre am nächsten Morgen eventuell eine "Arbeitsgruppe Dübel erfinden" "institutionalisiert" worden, wie es die BBAW ab 2000 mit ihrer "Arbeitsgruppe Gesundheit" getan hat?

Montag, 7. Mai 2012

Mozart upgraded

Akademie der Künste, Berlin, 06.05.2012

Die Akademie der Künste in Berlin hat momentan den „Monat der Stipendiaten“. In diesem Rahmen war an diesem Sonntag eine kleine Perle zu besichtigen. Tilman Hecker gab Einblick in seine Regiearbeit zur Aufführung der Mozart – Oper „La Finta Giardiniera“ am Opernhaus Wuppertal. Wie führt man eine technologische Innovation ein und wie füllt man sie mit Sinn?
 
Die Aufführung hat keineswegs zu überwältigend positiven Theaterkritiken geführt. Dies war jedoch nicht zu erwarten gewesen. Das Stück gilt nicht als eines von Mozarts besten. Es gehört nicht zu seinen „big five“. 
 
Was den Kritikern ein wenig entging, war, dass Tilman Hecker den Einsatz von Videoprojektionen verfeinert hat. Eine Inszenierung wird live ohne Tonaufnahme aufgezeichnet. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird das bisher Gefilmte dann während der Aufführung auf den Bühnenhintergrund projiziert und interagiert dann mit dem weiteren Geschehen auf der Bühne.
 
Diese Technik hatte Tilman Hecker erstmals bei seiner Arbeit zu „Narcissus und Echo“ in Salzburg eingesetzt. Der erste Teil des Stücks wurde gefilmt. Auf der Bühne war nur Narcissus zu sehen. Zuschauer und Kamera sahen das Bild, dass auch Echo sah. Mit dem Ende der tödlichen Liebe von Echo zu Narcissus – sie erstarrt zu Stein -  startete die Videoprojektion.
 
Narcissus sieht nun das (Video)bild seines verführerischen Selbst, in das sich Echo verliebt hatte, verliebt sich in sich selbst und – stirbt letztendlich ebenfalls. Ende.
 
In Wuppertal wurde diese Methode erweitert. Die Aufführung wurde auch hier aufgezeichnet. Ab einem bestimmten Zeitpunkt startete dann die erste Projektion.  Hier wurden aber bis zu drei Videoebenen eingesetzt. Wie das Bild in einem Bild in einem Bild, das eine Kamera von einem Fernseher aufnimmt, wurde dies jeweils auf die Rückwand der Bühne projiziert. 

Während einer Aufführung bedeutet dieser Technologieeinsatz, dass – wenn alles abgestimmt abläuft -  ein vor einer halben Stunde gefilmter Schauspieler über die Videoprojektion live mit der realen Aufführung, mit sich selbst oder anderen Ebenen oder Schauspielern interagieren kann. Gesungen wird übrigens nur vom Schauspieler auf der Bühne.

Es ist nachvollziehbar schwierig, diese Inszenierungsebenen zu choreographieren. Eine Szene im dritten Akt muss mit einer gefilmten Szene im zweiten und einer davor gefilmten Szene im ersten Akt zusammenpassen.
Es wäre Hybris, wollte man den Aufwand einer solchen Regiearbeit beschreiben! Tilman Hecker hat während des Vortrags in der Akademie der Künste seinen Werkzeugkasten knapp umrissen. Softwarepakete zur Zeitplanung gehören dazu, Videotechnik und erneut - software, kleine Spielzeugbühnen mit Pappfiguren. Der Rest ist Opernfans wohlbekannt. Der Probebühne folgen nach Wochen der Vorarbeit die Generalprobe, eine Uraufführung und die möglichst täglichen Aufführungen. 

Eine Perle bleibt eine Perle.

Sonntag, 6. Mai 2012

„That which is not“ – wie ich mich wehmütig an meinen alten Freund Juri Schuwalow erinnerte

Haus der Kulturen der Welt, Freitag, 04.05.2012


Im Haus der Kulturen der Welt (HKW) findet gerade eine Vortragsreihe zum Thema ZEITGENÖSSISCHER REALISMUS UND MATERIALISMUS statt.

Zu Recht wird die Vortragsreihe folgendermaßen beworben: Sie „adressiert Realismus und Materialismus in der zeitgenössischen Philosophie. Den eingeladenen Philosophen … ist die Kritik an der post-kantischen Philosophie gemein, in der die Welt nicht unabhängig vom Menschen gedacht werden kann. Die vorgestellten philosophischen Positionen weisen die Korrelation von Denken und Welt – das post-kantische Paradigma, das Meillassoux „Korrelationismus“ nennt – auf unterschiedliche Weise zurück: Indem ein transzendentaler Naturalismus, ein spekulativer Materialismus, eine objektorientierte Philosophie oder ein wissenschaftlicher Realismus entwickelt wird, kann das Verhältnis zwischen Erkenntnistheorie und Metaphysik, Wissenschaft und Philosophie, Denken und Natur neu bestimmt werden.


Am Freitag, 04.05.2012 hielt Ray Brassier (Philosophieprofessor an der American University of Beirut) seinen Vortrag mit dem Titel That which is not. Bereits im Oktober 2011 hatte  Ray Brassier im n.b.k. (Neuer Berliner Kunstverein) einen philosophischen Vortrag im Rahmen der Ausstellung „Kunst und Philosophie“gehalten.

Hier im HKW fand der Vortrag im Konferenzraum K1 statt. Der Raum ist annähernd kubisch, da er sich über zwei Etagen erstreckt. Es herrschen warme Brauntöne vor. Zu einer Seite erstreckt sich eine Fensterfront in voller Höhe und Breite des Raums. Auch heute noch lässt sich der Chic der 50er Jahre unschwer erkennen.

Die Vorstellung war höchst inhaltsreich. „The atonomy of the real“ führt zu Plato und „Plato is a formal dualism“ und „fuels the persistance of dialectics”. Ray Brassier brachte es auf den Punkt: “What is the nature of this Not?” Es ist leicht zu erkennen: “The thinking of the Not is not to think!” “An empty concept without an object” korreliert letztendlich mit der Feststellung: “reality of sensation is a sensation of reality.” “I stop now!

Schon im n.b.k. trug Ray Brassier seine Bemerkungen nicht in freier Rede vor. Der Vortragstext wurde auch hier abgelesen. Die linke Hand hielt das Stehpult fest. Die Rechte durchschnitt – Daumen und Zeigefinger zusammengepresst – kraftvoll die Luft. Der Blick richtete sich zu Boden. Die Worte wurden mit körperlicher Anstrengung herausgedrückt. Sich hier den Vortrag stichpunktartig mitschreiben zu wollen, das musste scheitern.

Der Konferenzraum war mit seinen 80 Besuchern gut gefüllt. Die Orchestrierung bewirkte, dass der Vortragende an seinem Pult erhöht auf einer kleinen Bühne stand und das Publikum in einer Art Halbrund um ihn herum gruppiert war. Der Altersdurchschnitt war jung, aber es waren auch Zuhörer jenseits der 60 anwesend. Bei den Herren herrschten Seitenscheitel, Anzüge und markante, dunkle Brillengestelle vor. Die Frauen waren andächtig und schön. Einige Männer nickten heftig und zustimmend während des Vortrags.

Diese quasi-religiöse Andacht habe ich bisher nur bei Juri Schuwalow kennengelernt. Juri ist russischer Ukrainer. 1986 zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war er bei den sowjetischen Raketentruppen. Noch Jahre später schwärmte er davon, wie überaus positiv sich sein Rettungseinsatz am Atomkraftwerk auf seine Libido ausgewirkt hatte.


Ende der 90er Jahre lud ich Juri  zu einer kleinen Party ein. Er brachte seine Gitarre mit und fing im Laufe des Abends irgendwann an, russische Balladen vorzutragen. Alle Frauen ließen sich im Halbrund zu seinen Füßen nieder und er spielte ein Stück nach dem anderen. Niemand verstand die Worte aber der Klang war wunderbar. Juri ist seitdem eines meiner großen Vorbilder.

Relevanz Akademischer Gründungen im Technologiebereich


Betrachtet man das weite Feld der Firmengründungen, so besteht ein faszinierendes Unterfangen darin, Erfolgsfaktoren zu bestimmen. Wer gründet? Welche Motivation steckt dahinter? Was verringert die Sterberate? Was stärkt die „unternehmerischen Erfolgsaussichten“? Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich? Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) Global Report 2011 listet weltweit 400 Millionen Unternehmen in 54 Ländern auf. Abbildung 1 verdeutlicht einen Zusammenhang zwischen  GDP pro Einwohner und Gründungshäufigkeit.

Abbildung 1: „Relation Gründungsaktivitäten und GDP weltweit 2010“ (Quelle:Global Entrepreneurship Monitor 2010)
Firmengründungen lassen sich nach einem einfachen Raster  klassifizieren. Wird bei der Gründung eine neue Technologie eingesetzt? Dann ist die Technologieunsicherheit hoch. Wird ein neues Marktsegment angesprochen? Dann ist die Marktunsicherheit groß. Spannend wird es, wenn ein Unternehmen wie z.B. Apple bestehende Technologien nutzt, um neue Märkte zu erschließen.
In diesem Umfeld spielen Akademische Gründungen eine wichtige Rolle. Vereinfacht handelt es sich hierbei um Gründungen von Akademikern oder in Wissensbereichen, die man an Universitäten und Hochschulen erlernen kann. So  stellen prinzipiell alle Gründungen, die in forschungs- und wissensintensiven Branchen stattfinden, Akademische Gründungen dar. Diese Gründungen gelten für die OECD und für GEM als Indiz für die wirtschaftliche Dynamik eines Landes und stellen nicht zuletzt eine wichtigen Weg des Wissens- und Technologietransfers aus der Wissenschaft in Wirtschaft dar. Abbildung 2 zeigt dazu wiederum im weltweiten Vergleich, wie häufig bei Firmengründungen Produktinnovationen eingesetzt werden.
Abbildung 2: „Innovationen als Anreiz für Unternehmenstätigkeiten 2008 - 2010“ (Quelle:Global Entrepreneurship Monitor 2010)
Über Firmengründungen werden in Deutschland bei den Gewerbeämtern nur wenige Einzeldaten erhoben. Daher ist es schwer, Zahlenmaterial über das Gründungsgeschehen insgesamt  zu erhalten. Grob geschätzt wurden um die Jahrtausendwende jährlich 250.000 Firmen gegründet. 65.000 Gründungen waren Akademische Gründungen im forschungs- und wissensintensiven Bereich. 
Laut Wikipedia gab es im Jahr 2004 in Deutschland ca. 3.000.000 Unternehmen insgesamt.  Dies verdeutlicht, dass Neugründungen bereits binnen 10 Jahren die Unternehmenslandschaft vollständig umkrempeln können.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Charles F. Bolden, Jr. an der TU Berlin

Technische Universität Berlin, den 03.05.2012

Heute nachmittag hielt der NASA Adminstrator Charles F. Bolden, Jr. an der TU Berlin einen Vortrag mit dem Titel "Conquering the Stars: The Lines of Force for a Life of an Astronaut and NASA Administrator". Mr. Bolden war viermal im Orbit, war bei den Marines und Testpilot, bevor er 1980 in das Astronautenprogramm der NASA aufgenommen wurde. Präsident Obama nominierte ihn 2009 zum NASA Administrator.

Die NASA selbst, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und natürlich die TU Berlin unterstützten offiziell die Präsentation. Zugleich war diese Teil eines "public affairs program of the embassy of the united states". Mr. Bolden, Jr. ist für zwei Tage in Berlin. ESA, DLR und NASA müssen sich regelmäßig abstimmen.

Man muß es deutlich aufschreiben! Das Audimax der TU war mit 1.000 Besuchern voll besetzt. Die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer bestand aus Studenten und die sollten mit diesem Vortrag auch angesprochen werden ("study hard, work hard, don't be afraid of failure").  Mr. Bolden, Jr. machte einen tollen Job. Spätestens nach einer halben Stunde war das scheue Publikum aufgetaut und stellte Fragen. Als ein zehnjähriger Junge auf Englisch seinen Wunsch geäußert hatte: "I want to fly to the Mars", war das letzte Eis gebrochen. Der mehrfache und anhaltende Applaus zum Ende der Rede war Zeichen dafür.

Wäre ich 30 Jahre jünger oder könnte ich meine Personalausweisdaten ändern, ich täte es dem Jungen gleich. So kann man einen Vortrag halten!

Die Anwesenden waren Zeuge einer wirklich gut gemachten Motivationsansprache. Die Vorredner, der  Präsident der TU Berlin Herr Prof. Dr. Steinbach und das Vorstandsmitglied der DLR Herr Dr. Gruppe waren freundlich, persönlich und deutsch. Sie hielten sich am Pult fest, benutzten Medien nicht. Mr. Bolden selbst faßte das Pult nicht an. Er begab sich sofort in die Mitte der Bühne, er zeigte Bilder, forderte das Publikum mit dem ersten Satz auf, Fragen zu stellen. "There are no dumb Questions!"  Welcher deutsche Professor sagt, dass es keine dummen Fragen gibt?

Klar gesagt, ist der Werdegang des gegenwärtigen NASA Administrators für Deutsche schwer nachzuahmen. Welcher Präsident einer deutschen Universität kann schon von sich behaupten, dass er vor seiner Präsidenten-karriere Testpilot gewesen wäre. Und Testpilot wäre er wiederum nur geworden, weil er in Vietnam gekämpft habe mit einer Lebenserwartung von Monaten oder Wochen "in the mud".

Mr. Bolden kann das! Seine Frau habe ihm gesagt, er wäre "silly", wenn er lieber im Schlamm kriechen wolle als Testpilot zu werden. Danach waren die "Lines of Force" schlicht ein Weg, den dieser Mann auch mit 66 Jahren wahrscheinlich noch nicht zu Ende gegangen sein wird.


Montag, 30. April 2012

Wie verkauft man eigentlich?


Berlin Moabit, den 30.04.2012

Ich persönlich bin der Meinung, dass sich jeder Mensch möglichst lebenslang bilden sollte. Wenn ich in 30 Jahren in Rente gehe, werde ich mich sicherlich als Gasthörer an einer Universität einschreiben. Ich werde vielleicht Kriminologie studieren, mich als Privatdetektiv selbständig machen und wie Phillip Marlowe Morde aufdecken. Mit 105 Jahren werde ich mich dann zur Ruhe setzen, da es wegen des demographischen Wandels dann keine Gewaltverbrechen mehr geben wird.

Hier und heute liebe ich es, wenn mir jemand etwas erklärt, ich das Erklärte verstehe und dieser berühmte Aha-Effekt eintritt. „Aha, deswegen sind die Knöpfe bei Damenblusen auf der falschen Seite angenäht!“ Solchen Erkenntnisgewinn gönne ich Jedem.

Heute bin ich Vertriebsberater. Ich verkaufe und helfe beim Verkaufen. Da sollte ich das Metier zumindest ein wenig verstehen. Ich habe an Verkaufstrainings für unterschiedlichste Zielgruppen teilgenommen und gebe dieses Wissen gerne weiter. Es gibt gefühlte 20.000 Ratgeberbücher über Sinn und Wesen des Verkaufens, des Marketings oder der Psychologie des Konsumenten (oder des Einkäufers). Ein Buchtitel kann einen magischen Reiz auf mich ausüben: „Die besten Tipps der Verkaufsprofis“, „Verkaufspsychologie in 7 Bänden“ oder ebenfalls fiktiv „Das Ich stärken! Ihr Weg in die Spitzenliga des Verkaufs“.

Ein Verkaufsgespräch ist ja eigentlich ziemlich simpel, wenn ich weiß, dass ich verkaufe und der nette Mensch mir gegenüber genau das auch weiß oder auch nicht.

Das Lesen dieser Ratgeber führt bei mir seit Jahren regelmäßig zu krisenhaften Zuständen. Schwarz auf Weiß werden mir die 25 Wege der Einwandsbehandlung aufgezeigt und ich reagiere mit Verzweiflung. Nachfolgend erscheint mir der Mensch, den ich noch vor einer Woche als sehr sympathisch empfand, nun als Feind. Formuliert mein Gegenüber jetzt einen Einwand oder einen Vorwand? Was war jetzt nochmal der Unterschied? Oder bin ich schon bei der „Hochzeit“ und bereite den „Abschluss“ vor? Spontan reagiere ich eingeschnappt. Dieser Kunde kauft eh nicht und ich habe offenbar Weg Nummer 23 vergessen. Ich werde von dieser Person auf die Probe gestellt, stelle mich erst einmal taub und setze ein eher unfreundliches Gesicht auf. Buddy, wir alle begegnen uns zweimal im Leben!

Ein von mir wirklich geschätztes Buch beschäftigt sich mit Verkaufsstrategien für Freelancer. Fürsorglich widmet sich die Autorin möglichen schwierigen Zeiten des freiberuflichen Daseins. Es soll dann notwendig sein, in solch schlechten Zeiten persönliches Hab und Gut zu veräußern, um eine Durststrecke zu überwinden. Dieser Ratschlag war in meinem Falle kontraproduktiv. Ich stellte meine Tätigkeit für einen Monat ein. Panik ergriff mich und ich erstellte Listen mit Gegenständen aus meinem Besitz, die ich offenbar alle zur Pfandleihe würde tragen müssen. Eine solche Zukunft kann nicht lebenswert sein. Gott, meine Jacht! Ich war bei Pro Aurum und ließ meine Goldketten taxieren!

Aber auch die Daseinsfürsorge ist grundsätzlich simpel. Man sollte mehr einnehmen, als man ausgibt. Es lohnt sich Folgeaufträge durch gute Arbeit zu erlangen. Und, man sollte Krisen vermeiden. Scheidungen oder schwere Unfälle sind zu vermeiden.

Natürlich war dieser Post bisher ironisch angelegt! Drei definitive Literaturempfehlungen habe ich, welche ich jedem Vertriebler an’s Herz legen möchte. Damit komme ich auf die Titelfrage zurück. Es geht um einfache Grundtugenden.

Dale Carnegie hat bereits im Jahr 1936 ein Buch mit dem Titel „How to Win Friends and Influence People“ veröffentlicht. Carnegie gibt – sicherlich „typisch amerikanisch“ – Tipps zum Umgang mit Menschen. Er ist da völlig pragmatisch. Und er betrachtet nicht die 25 Wege des Verkaufsgespräches! Er widmet sich eigentlich den Grundtugenden des Menschen. Höflichkeit, Freundlichkeit und Buhlen! Wenn man die heutige Ratgeberliteratur durchgeht, dann stößt man inhaltlich (oder sogar in der Wortwahl) direkt oder indirekt immer auf Carnegie, ohne dass selbiger jedesmal zitiert würde.

Erving Goffman hat sein Buch „Wir alle spielen Theater“ im Jahre 1959 veröffentlicht. Er zeigt auf, wie Menschen allein, in Gruppen oder Hierarchien auftreten. Das Buch war für mich sehr schwer zu lesen! Die Sprache ist bleiern! Eigentlich beantwortet dieses Buch aber zum Beispiel, warum Unternehmensberater benötigt und ungeliebt sind. Es liegt eventuell schon an der Kleidungswahl. Auch Goffman wird selten zitiert.


Ein Buch, dass niemand verschenken sollte, bevor er oder sie es gelesen hat, ist von Richard Wiseman (Toller Name! Warum heiße ich eigentlich Hofmann?). „Quirkologie“ bietet jedem Verkäufer genug Ideen, um verwirrt zu werden. Es liefert Wissen und Anekdoten über menschliches Verhalten. Damit (und mit den Literaturverweisen – zwecks weiterer Recherche) kann man punkten. Das Buch ist von 2007.


Beste Grüße, Frank Hofmann

Freitag, 27. April 2012

Schlechtes Benehmen!

Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, Donnerstag 26.04.2012


Gestern abend fand im Rahmen der Deutsch-israelischen Kulturtage "beziehungsweise(n)" in der Böll-Stiftung eine wunderbare Lesung statt.

Ich persönlich war müde und zu früh vor Ort und daher nicht aufmerksam. Um mir meine Hände zu waschen, begab ich mich zu den Toiletten. Ein asiatisch aussehender Mann ließ mir mit äußerster Höflichkeit den Vortritt am Waschbecken.
Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, wusch ich mir ohne jeden Dank die Hände. Wahrscheinlich stufte ich den Mann als zum Putzpersonal zugehörend ein.

Im ersten Stockwerk betrachtete ich  mir anschließend die Bilder einer Ausstellung mit dem Thema Krieg in Nordost-Indien. Ich bemerkte, dass neben den Literaturtagen auch noch eine Tagung auf der gleichen Etage stattfand. Es ging um die Entwicklung der Demokratie in Myanmar. Ich erblickte den freundlichen Mann.

Da reist ein freundlicher, höflicher Mensch vielleicht um die halbe Welt, um in Berlin an einer Tagung teilzunehmen und trifft auf mich und trifft vor allem auf mich mit unhöflichen Manieren.

Das war sehr peinlich!