bbaw, 11.11.2014
Jede Wissenschaft hat ihre Mythen.
Und sie schmeißt genau diese auch mal über den Haufen, wenn die Zeit reif dafür
ist. So könnte es gerade im Bereich der Biologie der vergleichenden
Kognitionsforschung ergehen.
Die Berlin-BrandenburgischeAkademie der Wissenschaften sieht es als eine ihrer
zentralen Aufgaben an, Wissen zu vermitteln. Die alle zwei Jahre stattfindenden
"Ernst Mayr Lectures"
bilden eines der vielen, vielen Foren, die für Laien, Amateure, Wissenschaftler
und Fachidioten oder auch Wissenschaftsjournalisten gleichermaßen zugänglich
sind. So war der Leibniz-Saal gefüllt und keiner der für einschlafende Gliedmaßen
sorgenden Stühle blieb unbesetzt.
| "Gebäude der BBAW am Gendarmenmarkt in Berlin" (Quelle: Wikipedia / User: Beek100 / Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported) |
Das Thema
des Vortrags "Können unterschiedlich aufgebaute Gehirne gleich(wertig)
denken?" zielte auf eine eigentlich altbekannte Erkenntnis so manchen
Vogelliebhabers ab: "Warum sind eigentlich Raben und Papageien so immens
schlau?" Dass dem nämlich so ist, das hat sich der Wissenschaft in den letzten
15 Jahren auch erschlossen.
Neukaledonische
Raben erweisen sich als Meister im Anfertigen von Werkzeugen; wobei mensch
schon betrachten sollte, dass Raben
keine Hände besitzen. Die in Berlin allgegenwärtigen Nebelkrähen lassen Eicheln
und Kastanien auf Straßenpflaster herabfallen, um es ordentlich aufbrechen zu
lassen. Und Elstern waren tatsächlich mehrfach Gegenstand des heutigen
Vortrags. Denn es stellt sich mittlerweile wissenschaftlich erwiesen heraus,
dass gerade Rabenvögel Hirnleistungen erbringen, die schlicht denen der
Schimpansen entsprechen. Selbsterkenntnis vorm Spiegel? Ja! Die Wahrnehmung
einer "Objektpermanenz" gestaffelt in sechs Stufen vergleichbar der
zeitlichen Heranreifung beim Menschen vom Kleinkind zum Großkind? Elstern sind
schneller! Ein Forschungsbereich von Onur Güntürkün betrachtet zwölf
kognitive Leistungen, die Menschen, Primaten, Säugetiere vielleicht schon,
Reptilien oder Amphibien aber eher nicht erbringen können. Vögel schneiden wie
Säugetiere ab, Rabenvögel wie Schimpansen. Und nicht nur das - das Verhältnis
zwischen Hirn- und Körpergewicht ist bei Vögeln so wie bei Säugetieren, bei
Raben und Papageien wie bei Primaten.
Da stellen
sich der Wissenschaft dann halt Fragen! Laut dem, was in unseren Schulbüchern
steht, haben sich gemäß Darwin die Arten immer vom Vorfahren zum Nachkommen
weiterentwickelt. Auf Fisch folgt, Amphibie, Reptil, Säugetier, dann Mensch.
Und das Gehirn der Säugetiere hat einen Neocortex, den Vögel aber sowieso nicht
und dann auch noch ohne sechs Schichtungen und ohne innigster Faltungen
schlicht nicht haben können - weil viel zu früh in der evolutionären Reifung
entstanden! Und - Vogelgehirne sind absolut gesehen vielleicht mickrige 12
Gramm schwer. Da liegen Welten dazwischen, wenn man den gefühlten Gehirnzentner
bei Elephanten betrachtet, die sich (kognitiv erforscht) tatsächlich ebenfalls
im Spiegel erkennen können sollen.
Und so
lautet die Erkenntnis des Vortrags heute, dass Vögel (und Reptilien?) sehr wohl
einen Cortex haben! Im Laufe der Evolution haben diese Spezies aber nicht auf
sechs Schichten und Faltungen gesetzt! Sondern! Die interne "Hirnverkabelung"
ist einfach nur anders aber ähnlich komplex wie bei den Primaten! Es existieren
Areale in beiderlei Gehirnen, die schlicht gleich "funktionieren",
und die man eingrenzen kann! Misst man die Hirnströme, so ergeben sich fast
identische Ergebnisse, wenn man z. B. die Verarbeitung von Gedächtnisleistungen
betrachtet! Dabei lassen sich ähnliche Schaltlogiken (wahrscheinlich mit
NOR-Gattern) in Primaten- wie in Vogelgehirnen aufzeigen! Eine noch nicht
verifizierte Theorie deutet darauf hin, dass in Vogelgehirnen eine deutliche
Miniaturisierung der Strukturen stattgefunden hat!
Fazit: Weiterhin bleibt Schulwissen Wissen
von vor 20 Jahren! Wenn aber Vögel - insbesondere die Raben - so schlau sind
wie Schimpansen, wie schlau sind dann eigentlich die Krokodile? Und was darf
der Mensch eigentlich noch essen?
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