Mittwoch, 12. November 2014

Die vielfache Evolution des Denkens - Onur Güntürkün



bbaw, 11.11.2014

Jede Wissenschaft hat ihre Mythen. Und sie schmeißt genau diese auch mal über den Haufen, wenn die Zeit reif dafür ist. So könnte es gerade im Bereich der Biologie der vergleichenden Kognitionsforschung ergehen.

Die Berlin-BrandenburgischeAkademie der Wissenschaften sieht es als eine ihrer zentralen Aufgaben an, Wissen zu vermitteln. Die alle zwei Jahre stattfindenden "Ernst Mayr Lectures" bilden eines der vielen, vielen Foren, die für Laien, Amateure, Wissenschaftler und Fachidioten oder auch Wissenschaftsjournalisten gleichermaßen zugänglich sind. So war der Leibniz-Saal gefüllt und keiner der für einschlafende Gliedmaßen sorgenden Stühle blieb unbesetzt. 

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/97/Berlin%2C_Mitte%2C_J%C3%A4gerstra%C3%9Fe%2C_Berlin-Brandenburgische_Akademie_der_Wissenschaften_01.jpg/640px-Berlin%2C_Mitte%2C_J%C3%A4gerstra%C3%9Fe%2C_Berlin-Brandenburgische_Akademie_der_Wissenschaften_01.jpg
"Gebäude der BBAW am Gendarmenmarkt in Berlin"
(Quelle: Wikipedia / User: Beek100 / Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)
Das Thema des Vortrags "Können unterschiedlich aufgebaute Gehirne gleich(wertig) denken?" zielte auf eine eigentlich altbekannte Erkenntnis so manchen Vogelliebhabers ab: "Warum sind eigentlich Raben und Papageien so immens schlau?" Dass dem nämlich so ist, das hat sich der Wissenschaft in den letzten 15 Jahren auch erschlossen.

Neukaledonische Raben erweisen sich als Meister im Anfertigen von Werkzeugen; wobei mensch schon betrachten sollte,  dass Raben keine Hände besitzen. Die in Berlin allgegenwärtigen Nebelkrähen lassen Eicheln und Kastanien auf Straßenpflaster herabfallen, um es ordentlich aufbrechen zu lassen. Und Elstern waren tatsächlich mehrfach Gegenstand des heutigen Vortrags. Denn es stellt sich mittlerweile wissenschaftlich erwiesen heraus, dass gerade Rabenvögel Hirnleistungen erbringen, die schlicht denen der Schimpansen entsprechen. Selbsterkenntnis vorm Spiegel? Ja! Die Wahrnehmung einer "Objektpermanenz" gestaffelt in sechs Stufen vergleichbar der zeitlichen Heranreifung beim Menschen vom Kleinkind zum Großkind? Elstern sind schneller! Ein Forschungsbereich von Onur Güntürkün betrachtet zwölf kognitive Leistungen, die Menschen, Primaten, Säugetiere vielleicht schon, Reptilien oder Amphibien aber eher nicht erbringen können. Vögel schneiden wie Säugetiere ab, Rabenvögel wie Schimpansen. Und nicht nur das - das Verhältnis zwischen Hirn- und Körpergewicht ist bei Vögeln so wie bei Säugetieren, bei Raben und Papageien wie bei Primaten.

Da stellen sich der Wissenschaft dann halt Fragen! Laut dem, was in unseren Schulbüchern steht, haben sich gemäß Darwin die Arten immer vom Vorfahren zum Nachkommen weiterentwickelt. Auf Fisch folgt, Amphibie, Reptil, Säugetier, dann Mensch. Und das Gehirn der Säugetiere hat einen Neocortex, den Vögel aber sowieso nicht und dann auch noch ohne sechs Schichtungen und ohne innigster Faltungen schlicht nicht haben können - weil viel zu früh in der evolutionären Reifung entstanden! Und - Vogelgehirne sind absolut gesehen vielleicht mickrige 12 Gramm schwer. Da liegen Welten dazwischen, wenn man den gefühlten Gehirnzentner bei Elephanten betrachtet, die sich (kognitiv erforscht) tatsächlich ebenfalls im Spiegel erkennen können sollen.

Und so lautet die Erkenntnis des Vortrags heute, dass Vögel (und Reptilien?) sehr wohl einen Cortex haben! Im Laufe der Evolution haben diese Spezies aber nicht auf sechs Schichten und Faltungen gesetzt! Sondern! Die interne "Hirnverkabelung" ist einfach nur anders aber ähnlich komplex wie bei den Primaten! Es existieren Areale in beiderlei Gehirnen, die schlicht gleich "funktionieren", und die man eingrenzen kann! Misst man die Hirnströme, so ergeben sich fast identische Ergebnisse, wenn man z. B. die Verarbeitung von Gedächtnisleistungen betrachtet! Dabei lassen sich ähnliche Schaltlogiken (wahrscheinlich mit NOR-Gattern) in Primaten- wie in Vogelgehirnen aufzeigen! Eine noch nicht verifizierte Theorie deutet darauf hin, dass in Vogelgehirnen eine deutliche Miniaturisierung der Strukturen stattgefunden hat!

Fazit: Weiterhin bleibt Schulwissen Wissen von vor 20 Jahren! Wenn aber Vögel - insbesondere die Raben - so schlau sind wie Schimpansen, wie schlau sind dann eigentlich die Krokodile? Und was darf der Mensch eigentlich noch essen?

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